Es ist der Morgen des 12. März, 7:30 Uhr, und die Sonne ist gerade über der Bistumsstadt Limburg aufgegangen. Rolläden werden hochgezogen, Menschen laufen zum Bäcker, die Stadt wacht gemächlich auf. Doch es gibt einen Ort, an dem jetzt schon alle hellwach sind: Es ist die Marienschule. In Raum H3-15 hat sich hochkarätiger, teilweise sogar internationaler Besuch eingefunden: Neben Start-Up-Unternehmern aus Indien, Arbeitern aus Bangladesh und einem CEO haben sich heute auch Politiker verschiedenster Länder, Vertreter von Entwicklungsprogrammen und Vorsitzende von Organisationen wie der WTO und der UN versammelt. Sogar der Bundesminister Gerd Müller stattet Limburg heute einen Besuch ab. Es ist eine ebenso herausragende wie bunte Mischung - doch auch, wenn die Zusammensetzung auf den ersten Blick etwas merkwürdig zu sein scheint, so sind all diese Gäste aus einem ganz bestimmten Grund anwesend: Sie wollen heute im Rahmen einer Talkshow exklusiv die Problematik des Nord-Süd-Konflikts diskutieren.

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Ganz so ist es natürlich nicht. Es wird zwar eine Talkshow über den Nord-Süd-Konflikt geben, bei der die Meinungen verschiedenster Gäste deutlich werden, allerdings sind diese Besucher nicht persönlich anwesend. Stattdessen schlüpfen die Schülerinnen und Schüler des Q4-Powi-Grundkurses unter der Leitung von Daniel Laukner in ihre jeweiligen Rollen. Dabei geht es selbstverständlich nicht nur um den Spaß: Der Kurs will auch austesten, wie gut sich eine Talkshow als Unterrichtsmethode zur abschließenden Veranschaulichung miteinander verflochtener Themenblöcke eignet. Dazu hat sich der Kurs im Unterricht der letzten zwei Wochen intensiv damit beschäftigt, sich auf ihren Part vorzubereiten. Jetzt sitzen alle in rollenadäquater Garderobe auf ihren Plätzen und warten gespannt darauf, sich und ihre Argumente zu präsentieren. Die Moderation übernehmen Maya Fries und Emma Wagner. Sie eröffnen die Talkshow mit dem Hinweis, dass der heutige Fokus auf der Stellung der Entwicklungsländer, der Rolle von Industriestaaten und den sich dazwischen befindenden Schwellenländern im Nord-Süd-Konflikt liegen soll. Die dafür ausgewählten Gäste beziehungsweise Rollen, die am Anfang leicht durcheinander gewürfelt zu sein schienen, lassen sich nun leicht konkreten Interessengruppen zuordnen.

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Zunächst seien die Vertreter der Entwicklungs- beziehungweise Schwellenländer genannt. Hierfür wurden der indische Start-Up-Unternehmer Bhavish Aggarwal (Nirosh Sriranganayakan), die bangladeschische Näherin Nasrin Akter (Emily Elßner) und der kongolesische Arzt Denis Mukwege (Isabella Schmitz) eingeladen, die ihre Lebenssituationen, Arbeitsbedingungen und Maßnahmen im Kampf gegen die lokale Armut schildern. Auch wirtschaftspolitisch sind Entwicklungsnationen repräsentiert, heute durch den Premierminister des Kongo, Sylvestre Ilunga (Jonas Lamster), und die erst kürzlich gewählte neue WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala (Franca Kos), die nicht nur die erste Frau an der Spitze der WTO ist, sondern mit ihrer nigerianischen Herkunft auch die erste Vorsitzende, die aus einem Land der Dritten Welt stammt. Die Politiker der Runde werden durch den UN-Generalsekretär Antonio Guterres (Lena Crump) und den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (Paula Bittner) ergänzt. Dieser ist als Entwicklungsbeauftragter keineswegs alleine: Er bekommt auf einer non-governmental Ebene Unterstützung: In dieser Funktion sind der Greenpeace-Vertreter Vincent Müller (Philipp Rauch), die Fairtrade-Korrespondentin Vanessa Gehringer (Vanessa Gehringer) und Rainer Agster (Meltem Köksal) als Repräsentant des Entwicklungshilfeprogramms SEED, das Unternehmen aus Schwellen- und Entwicklungsländern mit Ausbildungen und Schulungen unterstützt und zu wirtschaftlicher Stärke fördert, an diesem Freitagmorgen zu Gast. Aus der Welt der industriellen Unternehmer hat sich zuletzt der Apple-CEO Tim Cook (Laura Tsoy) der Runde angeschlossen. Er vertritt somit als Einziger die vielen global agierenden Konzerne aus den Ländern der Ersten Welt, die so oft als die kritischen Akteure im Nord-Süd-Konflikt betrachtet werden.

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Ähnlich wie dieser Bericht beginnt die Diskussion der Talkshow mit einer Runde kurzer Vorstellungen der Anwesenden. Zunächst wirken ihre Meinungsäußerungen und Standpunkts-Bekundungen etwas zaghaft und Fries und Wagner müssen die Unterhaltung durch gezielte Nachfragen leiten. Schnell aber hat sich eine lebhafte Diskussion entwickelt, die nur noch gelegentliche unterstützende Richtungsgebung benötigt. Von Anfang an ist klar: Das Thema ist unfassbar facettenreich und viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Es werden Vorwürfe durch den Raum geschickt, was das Zeug hält, und es wird deutlich, dass sich die Kritik nicht allein von den Entwicklungsländern an die Industrieländer gerichtet ist. Schon innerhalb der armen Länder der Südhalbkugel gibt es Machtgefälle: So schildert Nasrin Akter, dass ihre schlechten Arbeitsbedingungen mehr auf ihre Arbeitgeber als das konkrete Agieren der Industriekonzerne in ihrem Land zurückzuführen sind. Und zwischen den Landsmännern Mukwege und Ilunga kommt es sogar zur direkten Konfrontation: In vielen Punkten der gleichen Meinung, kann Mukwege dennoch nicht umhin, den Politiker der Korruption zu beschuldigen. „Wir weisen jede Anschuldigung von Korruption entschieden zurück!“, wehrt sich Ilunga gegen die Vorwürfe. Aber unter Geschichten von Fördergeldern, die nie in Mukweges gemeinnützigem Krankenhaus ankamen, bröckelt die Souveränität seiner Aussage. Mukwege unterstützend klagt auch Gerd Müller über Entwicklungshilfen, die ebenjenen korrupten Regierungen wie (offenbar) der Ilungas zum Opfer fallen. Ähnliche Bestandsaufnahmen gibt es auch von Okonjo-Iweala und Guterres. Hilfen werden so zwar verteilt, kämen aber eher in der Ausnahme als in der Regel an den richtigen Stellen an.

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Auch ansonsten tun sich viele Baustellen auf: Da steht zum Beispiel Nachhaltigkeit gegen aktuelles Konsumverhalten der Industrienationen, das durch Konzerne wie Apple gefördert wird. Laut Cook ist der Einfluss der wirtschaftlichen Kräfte, also der von Konzernen wie dem seinen, gar nicht so groß wie immer behauptet. Dem hält Näherin Akter entgegen, dass die Entwicklungsländer abhängig von den Industriekonzernen sind und diese dementsprechend viel Macht bezüglich ihrer Kunden, aber auch in Hinblick auf politische Mitbestimmung in den produzierenden Entwicklungsländern haben. Hier wird deutlich, dass die Probleme weder leicht zu lösen, noch einseitig zu betrachten sind. Aber es gibt auch Lichtblicke: Der Unternehmer Aggarwal verordnet mit seiner Taxifirma zum Beispiel Erfolge, deren Erträge er in die weitere Förderung seines eigenen Landes investiert. Und auch die drei Vertreter der NGOs attestieren, dass Hilfe zwar oft schwierig zu leisten ist, aber dennoch Früchte trägt. Unterstützung kommt für die Südhalbkugel also von außen und von innen.

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Am Ende der 90-minütigen Diskussion ist die Runde zwar noch lange zu keiner Einigung gekommen, was die Thematik des Nord-Süd-Konflikts angeht. Der Kurs ist sich dafür aber sicher, dass die Talkshow ein voller Erfolg war. Die Diskussion, nachdem sie einmal ins Rollen gekommen ist, ist flüssig und lebhaft verlaufen. Sie ist perspektivenreich gewesen, auch wenn sich Cook dem Kritikhagel der eher entwicklungsbewussten Gäste oft etwas einsam gegenüber sah. Dies bleibt allerdings auch weitestgehend die einzige Kritik. Denn durch die motivierte und engagierte Rollendarbietung aller Kursteilnehmer ist das Thema des Nord-Süd-Konflikts mit allen seinen Facetten noch einmal in einem informationsreichen Rundumschlag präsentiert und evaluiert worden.

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Als Methode für den kreativen und aktiven Abschluss einer Unterrichtseinheit ist eine Talkshow also definitiv geeignet, lautet das finale Urteil der Q4 - und es macht noch dazu eine Menge Spaß. Die Gäste reisen für den Moment wieder ab. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja schon ganz bald wieder ähnlichen Besuch an der Marienschule. Genug Themen für weitere Talkshows gäbe es allemal.

(Bericht: Emily Elßner/HF, Fotos: LN)