Im Deutschunterricht hat die Klasse 9c gemeinsam mit ihrem Lehrer Bastian Hoffmann Fred von Hoerschelmanns „Das Schiff Esperanza“ gelesen. Zentrales Thema in dem Drama ist die Flucht in ein besseres Leben. Um eine Verbindung zu den Menschen zu schaffen, die auch heute vor Krieg, Gewalt und Armut fliehen, hat der 23-jährige Ezedin den Marienschülerinnen von seinem Leben und seiner Flucht aus Eritrea berichtet.

Flucht Eritrea 2020
Es herrschte eine gespannte Stille in der Aula der Marienschule, als Ezedin den Schülerinnen der 9c von seiner Flucht aus Eritrea berichtete. Er absolviert heute eine Ausbildung zum Informatiker in Frankfurt und hat sich gemeinsam mit Sonja Peichl vom Helferkreis Flüchtlingshilfe aus Elz Zeit genommen, um den Schülerinnen einen Einblick in seine Lebensgeschichte zu geben.

Vor sieben Jahren ist Ezedin nach einem beschwerlichen und gefährlichen Weg in Deutschland angekommen. Gemeinsam mit seiner Mutter und seinen drei kleinen Schwestern hat er sich 2013 auf den Weg gemacht, um Eritrea zu verlassen. Gründe für die Flucht der Familie seien vor allem die politisch-wirtschaftliche und soziale Situation in ihrem Heimatland gewesen. Kurz bevor die Lage dort eskalierte, flohen sie auf der Suche nach einem besseren Leben ohne Krieg und Gewalt. „Wir sind zwölf Tage mit 28 Menschen zusammen auf einem völlig überladenen Jeep durch die Wüste im Sudan gefahren.“, so Ezedin. „Ich hatte Angst zu sterben aber gleichzeitig auch die Hoffnung auf ein besseres Leben.“ Er erzählt vom furchtbarem Durst bei über 50°C, dem hohen Preis für den Transport seiner Familie und dem Tod von drei Menschen während der Fahrt durch die Sahara, die von den Schleppern einfach zurückgelassen. „Als wir in Libyen angekommen sind, wurden wir ausgeraubt und mehrere Tage in einer kleinen Wohnung festgehalten, dann ging es weiter nach Bengasi.“ Von dort wurde die Familie in einem völlig überladenen Boot zusammen mit 180 weiteren Menschen nach Italien gebracht. Während der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer sei seine Angst am größten gewesen. „Als einziger Mann der Familie hatte ich die Verantwortung für meine Mutter und meine kleinen Geschwister und wollte ihnen Sicherheit geben.“ In Italien angekommen flüchtete die Familie nach Deutschland und strandete am Frankfurter Hauptbahnhof, ohne zu wissen, wo sie sich überhaupt waren. Kurze Zeit später kam Ezedin mit seiner Familie in Weilburg an, besuchte die Schule und machte dort nach nur einem halben Jahr seinen Schulabschluss. „Ohne die Hilfe vieler Ehrenamtlicher in Deutschland hätte ich das neue Leben in der fremden Kultur nicht geschafft.“ Nach vielen Fragen, die Ezedin beantwortete, ermutigte Sonja Peichl die Schülerinnen, jeden ganz im christlichen Sinne als „Mensch“ zu behandeln und dort zu helfen, wo Not am Mann ist.

Bastian Hoffmann zeigte sich abschließend sehr zufrieden mit dem Projekt. „Literatur bekommt immer dann eine besondere Bedeutung, wenn bei Schülerinnen und Schülern durch aktuelle Bezüge Interesse geweckt wird. Durch das Gespräch mit Ezedin wurde das Fluchtmotiv aus dem Drama in die Gegenwart und damit auch in die Erfahrungswelt der Schülerinnen geholt. So kann eine wirklich vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text und den enthaltenen Motiven erfolgen.“

(Text: Melania Egiazarjan und Kira Meilinger | HF)