Als eines der bekanntesten Stücke Dürrenmatts ist die Tragikomödie „Die Physiker“ um den Kernphysiker Johann Willhelm Möbius in den 57 Jahren, die seit ihrer Uraufführung vergangen sind, unzählige Male Thema im Deutschunterricht der ganzen Republik gewesen. Die meisten erinnern sich mit einem leisen Stöhnen daran - dass der Stoff, den Dürrenmatt behandelt aber durchaus spannend und vor allen Dingen aktueller denn je ist, hat nun die Theater-AG der Marienschule gezeigt. Sie führte das Drama in zwei Akten dreimal auf und die elf Schauspielerinnen und Schauspieler unter der Regie von Cara Basquitt schafften es jedes Mal, das Publikum mit seiner bizarr-komischen Darbietung in ihren Bann zu schlagen.

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Oft geht es bei Dürrenmatt um die Moral, meist verpackt als Kriminalstück. Am Ende steht meist ein tragisches Ende, das die Lösung des Problems im letzten Moment zunichtemacht.

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Der Kriminalfall, das sind bei den Physikern drei Morde, verübt von den verrückten Physikern Herbert Georg Beutler, Ernst Heinrich Ernesti und Johann Willhelm Möbius, die ihre Krankenschwestern ermorden. Sie alle tun nur so, als seien sie verrückt, mit unterschiedlichen Zielen, aber der gleichen Motivation vor Augen: die von Möbius gefundene Weltformel. Was macht man, wenn man den Schlüssel zu allem gefunden hat? Das ist die Frage der Moral. Während Ernesti und Beutler, die in Wahrheit Eisler und Kilton heißen, Geheimagenten sind, die Möbius mitsamt seiner Formel für ihre jeweilige Landesverteidigung gewinnen wollen, ist eben jener in der Anstalt, um sicherzustellen, dass sein Wissen auf ewig geheim bleibt. Nach endlosen Diskussionen über die Pflicht der Physiker lassen sich Eisler und Kilton überzeugen, dass es das Beste ist, in der Anstalt zu bleiben. Die Menschheit scheint gerettet zu sein, die Antwort gefunden - bis sich auf den letzten Metern die Leiterin der Anstalt, Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd enthüllt. In Wahrheit ist sie die Verrückte - sie glaubt an den König Salomo, der sie als Herrscherin der Welt außerwählt hat. Sie hat ihre Machtposition gegenüber Möbius missbraucht, seine Formel kopiert und macht sie nun zu Geld. Und so tritt ein, was die drei Physiker eigentlich vermeiden wollten: Die Formel fällt in die falschen Hände, wird benutzt, mit Füßen getreten und wird schlussendlich zum Untergang der Menschheit führen. Am Ende stehen drei Physiker auf der Bühne, die resigniert und gebrochen der Wahrheit ins Auge blicken: Sie können ihr Wissen nicht für sich behalten. Egal wie fatal es auch sein mag - „was alle etwas angeht, müssen auch alle lösen“, wie es Dürrenmatt in seinen Anmerkungen zum Stück schreibt.

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Der Fall der drei Physiker, die gleichzeitig für den König Salomo, Isaac Newton und Albert Einstein stehen, ist eine bittersüße Ironie, die die Theater-AG der Marienschule mit Bravour auf die Bühne bringt. Zwischen Eierkartons, die an den Wänden kleben, von der Decke baumeln und in einem mit Süßigkeiten gefüllten Einkaufswagen liegen, der bunt gemischten Bestuhlung und unter den Augen der schaurigen Ahnen der Fräulein Doktor entfaltet sich haltlos das Chaos und der Wahnsinn. Leichen werden in der Getränkeablage abtransportiert, Möbius (gespielt von Berenike Zilling) wirft mit Stühlen und Eierkartons. Seine Frau (Laura Schrörs) und ihr neuer Ehemann (Johannes Brokamp) bangen um ihr Leben, dem Wahn des Irren ausgesetzt, und müssen von der Oberschwester Martha Boll (Frederike Schulz) gerettet werden. Ihre Kinder (Lilith Schetelin, Selina Schaub, Sophie Feldewert) spielen Flöte. Das Fräulein Doktor (Emily Elßner) läuft wie auf einem Catwalk, Newton (Mia Hüttenschmidt) und Einstein (Theresa Oster) springen immer wieder wild über die Bühne. Und mittendrin kämpft sich Inspektor Voß (Ronja Schönborn) durch all das Chaos. Da kann man ihm es schon verzeihen, wenn er mit der Chefärztin auch mal die ein oder andere Zigarette isst.

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Unterstrichen sind die vollkommen überzogenen, mit Herzblut gespielten Rollen durch Maske und Kostüm. Die Physiker und die Chefärztin sind komplett weiß im Gesicht, Frau Roses Make-Up ist wie vom Weinen total verwischt, die Buben performen in Kniebundhosen. Es ist ein wilder Strudel zwischen modern und damals, Faltenröcken und Fast Food, weißen Perücken und Brausepulver aus dem Einkaufswagen. Dürrenmatts Text wird im Original gespielt und es zeigt sich, dass er auch heute noch große Wirkung auf die Zuschauer hat. Und das Publikum lässt sich mitreißen und lacht, bangt, erschrickt und weint mit dem Schauspielern.

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Nach drei erfolgreichen Aufführungen sind sich alle einig: trotz des Stigmas des Schultheaters hat die Theater-AG der Marienschule erneut bewiesen, zu was sie fähig ist. Mit der Hilfe von Cara Basquitt haben sie eine beeindruckende Inszenierung der „Physiker“ auf die Beine gestellt, die meisterlich gespielt ist und künstlerisch auf ganzer Linie überzeugt. Hätte Dürrenmatt das Stück sehen können - er wäre sicherlich Stolz gewesen.

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(Bericht: Emily Elßner, Fotos: Cara Basquitt)