Erstaunte Blicke gab es in den vergangenen Wochen in der Limburger Marienschule, als Mütter mit ihren Babys den Weg in die Klassenzimmer gesucht haben. Doch nicht etwa überehrgeizige Eltern, die die Forderung „Bildung von Anfang an" falsch verstanden haben, sondern ein neuer Ausbildungsbaustein in den beruflichen Schulzweigen ist der Grund, warum Babys im Alter von einem Monat bis zu rund einem Jahr ab sofort den Unterricht bereichern: Die Marienschule bildet die angehenden Sozialassistenten, Erzieher, Heilerziehungspfleger und Heilpädagogen im „Baby-Watching", dem genauen Beobachten von Säuglingen und Kleinkindern, aus – und ist somit bundesweit die erste Ausbildungsstätte, die das „B.A.S.E."-Programm des Münchner Arztes und Universitätsprofessors Karl Heinz Brisch in ihr Konzept aufgenommen hat.

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„B.A.S.E." steht für „Baby-Beobachtung im Kindergarten und in der Schule gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie". Was sich einfach anhört, hat einen ernsten wissenschaftlichen Hintergrund: Nach der Theorie des amerikanischen Forschers Henri Parens sind negative, feindliche Aggressionen auf massive Zurückweisung und Missachtung von frühkindlichen Bedürfnissen sowie mangelhaftes Einfühlungsvermögen zurückzuführen. Hier setzt die Empathieschulung des Münchner Universitätsprofessors mit dem „B.A.S.E"-Konzept an, das bereits erfolgreich in Kindertagesstätten und Grundschulen als Präventionsprogramm angeboten wird: Eine Mutter kommt mit einem Baby für die Dauer von einem Jahr einmal in der Woche in die Kindergartengruppe oder in die Schulklasse. Im Stuhlkreis erleben die Kinder, wie das Baby von Woche zu Woche wächst, bis es frei laufen kann. Unter der speziellen Anleitung und Fragetechnik der „B.A.S.E."-Gruppenleiter lernen sie durch die wöchentlichen Interaktions-Beobachtungen, sich in die Emotionen und die Motivationen von Mutter und Kind immer besser einzufühlen. Insbesondere für Einzelkinder ist dies die erste und oft einzige Möglichkeit, die Meilensteine der Entwicklung eines Babys während des gesamten ersten Lebensjahres kontinuierlich zu beobachten.

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Bisherige Ergebnisse des Münchner Wissenschaftlers zeigen, dass auf diese Weise die Empathiefähigkeit der Kinder gefördert wird. Sie beginnen, diese Fähigkeit auf alltägliche Situationen in ihrem Freundeskreis zu übertragen, indem sie sich feinfühliger, sozialer und weniger ängstlich untereinander verhalten.
Ergebnisse, die auch das Kollegium der beruflichen Zweige der Marienschule überzeugt haben. Die Lehrkräfte haben deshalb entschieden, sich von Prof. Dr. Karl Heinz Brisch und seinem Team zu „B.A.S.E."-Mentorinnen ausbilden zu lassen, damit sie ihre Schülerinnen, Schüler und Studierenden zukünftig zu „B.A.S.E."-Gruppenleitern ausbilden können.
„Das Projekt ist für uns reizvoll, weil das Empathievermögen eine wichtige Schlüsselkompetenz für die Berufe ist, die wir an der Marienschule ausbilden – aber auch, weil unsere Studierenden mit der Ausbildung zu „B.A.S.E."-Gruppeleitern eine weitere attraktive und praxisorientierte Zusatz-Qualifikation erwerben", erläutert Schulleiterin Dr. Henrike Zilling.
Mittlerweile bekommen die Klassen der beruflichen Zweige mehrmals wöchentlich Besuch von den Müttern und ihren Babys, berichtet die zuständige Fachlehrerin Marita Bürgermeister: „In diesen Stunden üben wir mit unseren Schülerinnen, Schülern und Studierenden ein, was diese später in ihren Arbeitsfeldern anwenden sollen, nur dass an Stelle einer Kindergruppe eine Gruppe Auszubildender einmal pro Woche für ca. 20 bis 30 Minuten einen Säugling in der Interaktion mit seiner Mutter oder seinem Vater beobachtet."
Dabei lenken die Lehrkräfte die Aufmerksamkeit der Beobachter auf das Verhalten von Mutter und Baby und setzen Impulse, zu hinterfragen, welche Motivation bzw. welches Gefühl hinter dem Verhalten steckt, sich selbst damit zu identifizieren und damit die Empathie zu entwickeln. Erstes Gebot ist, dass sich Mutter und Kind in der Situation wohl fühlen und die Kommunikation in der Beobachtungsgruppe von absoluter Wertschätzung geprägt ist.

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Bereits nach den ersten Wochen sind sich alle Teilnehmer einig, dass das Baby-Watching ein besonders angenehmes emotionales Erlebnis darstellt: „Es tut gut, sich völlig in diese Situation hineinfallen zu lassen und es ist total beruhigend zuzuschauen, was Mutter und Kind tun", schildert Hanna Jahnke ihre ersten Eindrücke. Und ihre Mitschülerin Ann-Kathrin Deußer ergänzt „Es ist schön, zu erleben, wie sich das Baby von Woche zu Woche weiterentwickelt und welche Prozesse zwischen Mutter und Kind ablaufen." (M. Bürgermeister/ Fd)