„Immer weniger Menschen scheinen das Geheimnis glücklicher Jungs zu kennen: Sobald ein Junge seine Grenzen austesten will, sind wir mit ihm überfordert. Wir müssen umdenken, damit Jungs wieder Jungs sein dürfen: anstrengend, energiegeladen und bewegungsfreudig“. Mit dieser These eröffnete Birgit Gegier Steiner, eine Schulleiterin aus Baden-Württemberg, ihren Vortrag am Pädagogischen Tag. Die Referentin, eine anerkannte Fachbuchautorin und Ausbilderin, gab den Lehrkräften der Marienschule unter anderem einen Überblick über den aktuellen Stand der Gender-Forschung, während Michael Kuntz, stellvertretender Schulleiter des Willigis-Gymnasiums, erläuterte, was die Mainzer Jungen-Schule anders macht als andere Schulen.

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Die Gymnasiallehrkräfte der Marienschule setzten sich einen Tag lang mit der Frage auseinander, wie man die Mädchen- bzw. Jungenklassen noch besser fördern kann – und fand Antworten sowohl in den Fachvorträgen als auch in fachspezifischen Workshops, die aus dem Kollegium heraus organisiert worden waren.

Birgit Steiner setzte bei aktuellen Forschungsergebnissen an. Demzufolge sind Jungs beispielsweise überdurchschnittliche Systematiker, was sich insbesondere in den Naturwissenschaften niederschlage. Grundsätzlich gelte: „Jungs nehmen Dinge gerne in die Hand und testen aus, wie die Welt funktioniert“, so die Referentin. Deshalb müsse insbesondere in Jungenklassen ein multisensorischer Ansatz verfolgt werden, der den Schülern Gelegenheit gebe, Dinge selbst auszuprobieren.

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Ein wichtiger Grund für das unterschiedliche Verhalten seien unterschiedliche neurobiologische Voraussetzungen und ein – vereinfacht ausgedrückt – unterschiedlicher Hormoncocktail im Gehirn. Einige Parameter würden dies besonders anschaulich verdeutlichen: Bei zehnjährigen Mädchen sei die auditive Erfassung bereits zu 100 Prozent entwickelt, bei zehnjährigen Jungen hingegen nur zu 50 Prozent. Dasselbe gelte für die sprachliche Entwicklung. Auch die Impulskontrolle und die Bewusstseinsbildung sowie die Feinmotorik seien bei Mädchen viel früher entwickelt als bei Jungen. Umgekehrt betrage die Muskelmasse bei Jungs in dieser Altersgruppe 40 Prozent des Körpergewichts, bei Mädchen hingegen nur 20 Prozent.

Aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen lasse sich ableiten, wie man auf Jungengruppen am besten zugehen könne, so Steiner: Es gelte unter anderem, die Wettbewerbsbereitschaft zu fördern, die Jungen an ihre Grenzen zu bringen, Orientierungsfähigkeit und Zielorientierung auszubilden und multisensorische Angebote zu schaffen. Die Schulleiterin berichtete, dass sie an ihrer Schule Erfolge mit einem „fußballdidaktischen Erziehungsprinzip“ habe, in dessen Zentrum die Bewegung sowie ein klares und einfaches Regelwerk ständen. „Begeisterung für schulisches Lernen kann man mit getrennten Gruppen besser erreichen“, fasste die Referentin ihren Vortrag zusammen – es brauche dafür aber Struktur, Regeln und Rituale, so Steiner.

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Wie das in der Praxis am Mainzer Willigis-Gymnasium funktioniert, veranschaulichte am Nachmittag Michael Kuntz. Der stellvertretende Leiter der Jungenschule erläuterte, dass nahezu in allen Fächern der Unterricht mit kleinen Bewegungselementen versehen werde – und wenn es nur das Arbeitsblatt sei, das sich die Schüler am Pult abholten, anstatt dass es durch die Reihen gegeben werde. Aber Bewegung ziehe sich natürlich durch den gesamten Schulalltag sowie die Zusatzangebote: So stehe in den Wanderwochen unter anderem ein dreitägiges Überlebenstraining auf dem Programm: Schüler der Mittelstufe müssen mit einem kleinen Budget und Zeltplanen ausgestattet zu einem Ort im Hunsrück kommen, an dem sie drei Tage verbringen müssen – in freier Wildbahn. „Erlebnispädagogik ist ein zentraler Bestandteil unsers Schulprogramms“, fasste Kuntz das Konzept zusammen, zu dem unter anderem auch die Skifahrt einer gesamten Jahrgangsstufe und das gemeinsame Segeln gehöre. Damit könne insgesamt dem höheren Bewegungsdrang von Jungen Rechnung getragen werden.

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Wenn man vereinfacht weitere zentrale Verhaltensweisen von Jungen zusammenfasse, komme man zu der Erkenntnis, dass Jungen klare Verhältnisse forderten und häufig in Regeln und Systemen denken würden. Sie besäßen eine ausgeprägte Handlungsorientierung und seien zumeist wettbewerbsorientiert, so Kuntz. Außerdem lebten sie eine Konflikt- und Behauptungskommunikation und zeigten sehr häufig ein Dominanzverhalten, führte der stellvertretende Schulleiter weiter aus. Aufgrund dieser Verhaltensweisen habe man einen Weg gefunden, der einen autoritativen Unterrichtsstil – also auch mit klaren Ansagen – und einen fürsorgenden Umgang – in einer Gemeinschaft, in der sich alle wohlfühlen – miteinander kombiniere. „Der Erfolg gibt uns Recht“, bewertete Kuntz die vielfältigen Maßnahmen, die in Mainz umgesetzt werden. Letztlich gehe es darum, jeden einzelnen Schüler bestmöglich zu fördern, wozu das Schulprogramm sehr gut beitrage. „Wir machen aus Jungs Sieger“, schloss Kuntz seinen Vortrag, der bei den Lehrkräften der Marienschule aufgrund der vielen Praxisbeispiele sehr gut angekommen war.

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Um die Praxis ging es auch in zahlreichen Workshops, die Marienschul-Lehrkräfte aus allen Fachbereichen am Mittag angeboten hatten. Hier galt es, Methoden und Unterrichtssequenzen zu entwickeln, die zielgruppengerecht eingesetzt werden können. Dabei erwuchsen auch zahlreiche Ideen, wie man das Konzept des getrennten Miteinanders weiterentwickeln kann. Diese sollen in den kommenden Monaten in Arbeitsgruppen und der Schulentwicklung geprüft werden und dann zum Bestandteil des Schulprogramms (http://www.marienschule-limburg.de/downloads.html) der Marienschule werden.

(Bericht: FD, Fotos: MM)